Soziale, ökologische und regionalwirtschaftliche Leistungen der Landwirtschaft in Geldwerte ausdrücken – das ist jetzt möglich mit der Regionalwert-Leistungsrechnung

Was für eine große Rolle die Landwirtschaft in unserer heutigen Klimabilanz spielt, ist ausreichend erforscht. Allein ein fruchtbarer Boden, geschaffen durch aufwändigen Humusaufbau, könnte 90% der heutigen CO² Emissionen speichern und sich dadurch positiv auf das Klima auswirken. Fruchtbarer Boden ist zudem ein Betriebsvermögen, das dringend aufgebaut und erhalten werden muss, um die Produktionsgrundlage der Landwirtschaft zu sichern. Doch bezahlt werden Nachhaltigkeitsleistungen den Landwirt*innen kaum. Einsatz für den Erhalt von Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und gesellschaftlichen Mehrwerten entstehen aus fast ausschließlicher Eigenverantwortung. Denn die Subventionen werden heute immer noch nach Fläche verteilt und, wie aktuell diskutiert, zukünftig nur 20% davon nach Leistungen. Das muss sich ändern, denn wir sind genau auf diese Leistungen unserer Landwirt*innen angewiesen.

Jahrelang wurden an die Landwirtschaft zusätzliche Anforderungen bei stagnierenden oder gar fallenden Erzeugerpreisen gestellt und ihr gleichzeitig die Verantwortung für die Entstehung von Schäden und Verlusten an der natürlichen Grundlage zugewiesen.

Der zunehmende Druck auf die Landwirt*innen wächst und gleichzeitig verstärkt dies auch den Unmut dieser. Immer mehr Forderungen und Rufe nach Leistungen zur nachhaltigeren Betriebsführung kommen aus Gesellschaft und Politik, doch es gibt kaum bis keine praktischen Vorgehensweisen, wie dieses Grundproblem zu lösen ist. Das Problem an der Wurzel zu packen und anzugehen scheint eine Mammutaufgabe – wo nur anfangen?

„Die Veränderung der betriebswirtschaftlichen Erfolgsrechnung ist die Lösung“, sagt Christian Hiß. Der gebürtige Eichstetter vom Kaiserstuhl war schon immer überzeugt, dass die Arbeit der Landwirt*innen besser gesehen und honoriert werden muss. Er selbst bewirtschaftete über 25 Jahre einen Gemüsebaubetrieb mit integrierter Milchviehhaltung und gründete dann die Regionalwert AG Freiburg. Seine Motivation: die besonderen ökologischen und gesellschaftlichen Leistungen des Betriebes in die betriebswirtschaftliche Erfolgsmessung in Form der Buchhaltung und Bilanzierung zu integrieren und sie als Betriebsvermögen in die Kapitalrechnung aufzunehmen. Ihm war klar, dass eine unvollständige Erfolgsrechnung fatale Folgen mit sich bringt, denn Leistungen zur Erhaltung der natürlichen Grundlage konnten immer weniger erbracht werden, weil der Aufwand dafür nicht bezahlt wurde. Aber was sind diese Leistungen überhaupt wert?

„Durch die unvollständige Buchhaltung entstand ein „unterbelichteter Raum“, in dem sich in den letzten Jahrzehnten ökonomische Ineffizienzen entwickeln konnten“

So kam dann eins zum anderen: Über 15 Jahre lang erforschte er das Phänomen der unvollständigen Buchhaltung und Bilanzierung der Landwirtschaft unter der Arbeitsthese “Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ und in den vergangenen fünf Jahren entwickelte er mit seinem qualifizierten Team an Umwelt- und Wirtschaftswissenschaftler*innen die Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse und die Regionalwert-Leistungsrechnung. Zwei praktikable Instrumente zur Erfassung, Interpretation und Monetarisierung von nachhaltigen Leistungen.

Die Methode und das Instrument zum monetären Nachweis der nachhaltigen Betriebsführung entstand in jahrelanger Detailarbeit. Dabei wurden die Grenzwerte und die monetären Wertsetzungen mit Praktiker*innen, Berater*innen, Konsument*innen und Wissenschaftler*innen partizipativ ausgearbeitet, in Algorithmen übersetzt und letztlich in digitale Web-Anwendungen übertragen. Die Kalkulationsquotienten werden von vier Einflussgrößen bestimmt, a) wissenschaftlichen Kenngrößen für Ökosystemleistungen und sozioökonomische Vermögen, b) empirische Vergleichszahlen, c) die Wertsetzung durch Praktiker*innen der Landwirtschaft, d) gesellschaftliche Wertgebungen. Sie sind im System grundsätzlich variabel und können regional angepasst werden. Selbst für spezielle Wertschöpfungsketten, zum Beispiel wenn einzelne Verarbeiter, Händler oder Initiativen individuelle Werte mit ihren Lieferanten aushandeln wollen, kann die Regionalwert-Leistungsrechnung gegen Aufpreis entsprechend passend gemacht werden.

Was heißt das jetzt konkret für die Landwirt*innen?

Es ist Zeit den Spieß umzudrehen: Jetzt haben die Produzentinnen und Produzenten endlich ein Instrument an der Hand, um ihre Leistungen detailliert aufzuzeigen und sie als Forderung an den Markt zu spiegeln.

Sozial-ökologische und regionalökonomische Leistungen werden mit der Regionalwert-Leistungsrechnung sichtbar, denn dadurch lässt sich der wahre Wert ihrer Arbeit in Geldwerten aufzeigen. Damit verleihen sie nicht nur ihren Forderungen nach besserer Entlohnung ihres Schaffens mehr Aussagekraft, sondern können dieser Forderung konkret Nachdruck verleihen und ihre Bezahlung einfordern.

Die landwirtschaftlichen Betriebe bekommen durch die Regionalwert-Leistungsrechnung endlich ein Instrument an die Hand, sich selbst, ihren Kunden, der Gesellschaft und der Politik den wahren Wert der Erzeugung nachhaltiger Produkte darzulegen. Nach der Eingabe ihrer Leistungsdaten in das von der Regionalwert AG Freiburg auf der Internetseite www.regionalwert-leistungen.de bereitgestellte Onlinetool, erhalten sie unmittelbar eine geldwerte Aufstellung über ihre geschaffenen Mehrwerte für eine Vielzahl sozialer, ökologischer und regionalökonomischer Leistungsfaktoren. Beispiele aus der ökologischen Dimension sind die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und die Schaffung von Biodiversität, im Sozialen werden unter anderem der Wissenserhalt durch Ausbildung berechnet und in der regionalwirtschaftlichen Dimension sind es Faktoren, die die wirtschaftliche Resilienz fördern.

Die Regionalwert-Leistungsrechnung ist mehr als ein betriebswirtschaftliches Instrument, sie ist die Voraussetzung für einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel. Nach jahrzehntelanger einseitiger Forderung aus Verarbeitung, Handel und Konsum an die Landwirtschaft nach „immer billiger produzieren“ kann nun die Gegenforderung nach besserer Vergütung der guten und für die Gesellschaft existentiellen Arbeit vorgelegt werden. Die Regionalwert-Leistungsrechnung ist eine Brücke zum Dialog für eine gemeinsam getragene Transformation und bildet ein Anreizsystem der Landwirtschaft zu mehr nachhaltigem Wirtschaften.

Es findet keine Unterscheidung zwischen Bioanbau und konventioneller Landwirtschaft statt

Die Urheber der Methode sind der Überzeugung, dass jeder Betrieb etwas für die Nachhaltigkeit der Nahrungsmittelproduktion leistet.

Das Besondere und Innovative an der Methode der Regionalwert-Leistungsrechnung ist, dass sie die tatsächlich im Betrieb geschaffenen Werte und nicht nur die abstrakt berechneten Schäden und Kosten der landwirtschaftlichen Praxis kalkuliert. Sie verändert damit nicht nur das betriebswirtschaftliche Ergebnis, sondern vor allem die Sichtweise, was sich auch positiv auf das angeschlagene Selbstwertgefühl vieler Landwirt*innen niederschlägt.

Die größten Vorteile der Regionalwert-Leistungsrechnung sind die schnelle und unkomplizierte Durchführung sowie die Bandbreite der Leistungsfaktoren. Über 150 Kennzahlen aus den drei Dimensionen Ökologie, Soziales und Regionalwirtschaft werden für ein Geschäftsjahr einzeln erfasst und berechnet. In wenigen Stunden Aufwand hat der Landwirt ein Ergebnisdokument in der Hand, in dem Einzelwerte und eine kumulierte Endsumme für die Jahresleistung ausgewiesen sind.

Jetzt weiß ich was ich leiste, doch wer bezahlt mir das jetzt?

Die Kernfrage ist nun, woher das Geld kommen kann, um den landwirtschaftlichen Betrieben ihre ausgerechnete Forderung zu bezahlen. Die Macher von der Regionalwert AG sind der Auffassung, dass es dazu einige Möglichkeiten gibt, wenn der Wille in der Wirtschaft, der Gesellschaft und in der Politik dazu vorhanden ist.

Zum einen gibt es die Konsumenten. Diese sind nach Umfragen bereit, mehr für ihre Nahrungsmittel zu bezahlen, wenn im Gegenzug Leistungen nachgewiesen werden. So stellen wir die These auf, dass nur 60€ Mehrpreis pro Person auf die jährlichen Lebensmittelkosten ausreichen würden, um die Landwirtschaft entscheidend nachhaltiger zu gestalten. Das führt uns zum anderen Punkt, zur Politik. Die Regionalwert-Leistungsrechnung kann auch für die Vergabe der Ausgleichszahlungen der GAP verwendet werden. So sind nach Berechnungen der Entwickler der Regionalwert-Leistungsrechnung die jetzigen Geldmittel in Höhe von jährlich ca. 6 Mrd. EUR ausreichend, um die Transformation der Landwirtschaft voranzubringen. Sie haben berechnet, dass der ausgewiesene Mehrwert pro Betrieb im Durchschnitt ungefähr 10 – 12 % des Umsatzes eines landwirtschaftlichen Betriebes ausmacht. Im Schnitt erhalten landwirtschaftliche Betriebe 300€ Subventionszahlungen pro Hektar. Nach der Regionalwert-Methodik reichen 325€ pro Hektar aus, um sozial-ökologische und regionalwirtschaftliche Leistungen zu erbringen. Ist das nicht „Argument“ genug, um die Umverteilung die EU-Ausgleichszahlungen grundlegend neu zu denken?

Doch Christian Hiß‘ Ziel endet nicht mit der Einführung der Regionalwert-Leistungsrechnung. Er ist sich sicher, dass die Zeit drängt, die „Bilanzen der Zukunft“ zu gestalten und rechtliche Wege zu bereiten, nachhaltige Leistungen, aber auch Risiken, in die Erfolgsrechnung und letztendlich in die Bilanz zu integrieren, um diesen wichtigen Leistungsfaktoren den wahren Wert zuzuteilen. Denn eins ist gewiss: „Die Lebenswirklichkeit widerlegt immer mehr die Annahme, dass sozial-ökologische Leistungen nichts mit Wirtschaften zu tun haben“.

Die Regionalwert-Leistungsrechnung kostet netto 500 EUR pro Geschäftsjahr und ist zunächst im deutschsprachigen Raum anwendbar. Die Übertragung in andere Sprachen ist in Arbeit.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Regionalwert Leistungen, der Regionalwert AG Freiburg sowie der Regionalwert-Impuls GmbH.