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Kühe mit Würde – ein Besuch auf dem Breitenwegerhof in Eichstetten

Ein Kuh mit Horn ist heute eine Seltenheit. Viele Landwirte enthornen ihre Tiere oder setzen gleich aufdie Zucht hornloser Kühe. Doch es gib einen Gegentrend: Auf Demeter-Höfen wie dem des Ehepaars Goetje in Eichstetten behalten Kühe ihre Hörner. Und in der Schweiz hat die Hornkuh-Initiative bereits  1oo oo Unterschriften gesammelt. Als die Goetjes den Breitenwegerhof […]

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Ein Kuh mit Horn ist heute eine Seltenheit. Viele Landwirte enthornen ihre Tiere oder setzen gleich aufdie Zucht hornloser Kühe. Doch es gib einen Gegentrend: Auf Demeter-Höfen wie dem des Ehepaars Goetje in Eichstetten behalten Kühe ihre Hörner. Und in der Schweiz hat die Hornkuh-Initiative bereits  1oo oo Unterschriften gesammelt.

Als die Goetjes den Breitenwegerhof vor fast drei Jahren übernommen haben, entschieden sie sich bewusst für einen Demeter-Betrieb. ,,Wir wollen gesunde Lebensmittel erzeugen und Tieren ein artgerechtes Leben ermöglichen“, sagt Katharina Goetjes. Die 31-jährige und ihr 36-jähriger Mann sind Agrarbetriebswirte. Gemeinsam mit zwei Teilzeitkräften, zwei Minijobbern und weiteren Helfern bewirtschaften sie den Hof mit 24 Milchkühen, 220 Hühnern, vier Wollschweinen und 17 Ferkeln. Die Milch verarbeiten sie zu Käse, Quark und Joghurt. Und verkaufen sie mit Wurst und Eiern ab Hof, auf Wochen- und Biomärkten.

Zur artgerechten Haltung gehört aus ihrer Sicht und der des Demeter-Verbandes, dass Kühe ihre Hörner behalten dürfen. Katharina Goetjes steht im Laufstall und umfasst das Horn einer Kuh. ,,Es ist warm“, erklärt sie. ,,Der Hornzapfen ist ein durchbluteter und von Nerven durchzogener Knochen, komplett mit dem Schädel verwachsen und über Hohlräume mit den Stirn-und Nasennebenhöhlen verbunden.“ Außerdem seien Hörner ein Instrument, um die Rangordnung in der Herde zu klären. Hörner lieferten im Kampf eine stabile Angriffsfläche, während Tiere ohne Hörner häufig abrutschten und sich am Bauch verletzen können. Das Horn, erklärt die Agrarbetriebswirtin, sei auch ein wichtiges Stoffwechselorgan.,,Die Milch von Kühen mit Hörnern enthält wesentlich weniger Allergene“,ist Goetjes überzeugt. „Hörnertragende Kühe geben Milch, die selbst von Menschen, für die Milch sonst unverträglich ist, bekömmlich ist“,teilt auch der Demeter-Verband mit. Diese Aussage stimmt mit den Erfahrungen der Breitenwegerhof-Bäuerin überein: ,,Unsere Kunden bestätigen das immer wieder.“

Bei der normalerweise üblichen Enthornung werden die Hornansätze beim Kalb mit einem Brenneisen entfernt. Zuvor wird das Kalb vom Tierarzt mit einem Beruhigungsmittel tief sediert. Dann wird im Bereich des Hornnerven zwischen hinterem Augenwinkel und Hornanlage ein Lokalanästhetikum injiziert und gleichzeitig ein Schmerzmittel verabreicht. Um diese Prozedur zu vermeiden, züchten Landwirte zunehmend Tiere, die keine genetische Veranlagung zum Hornwachstum haben. Das bekommen auch die Demeter-Landwirte zu spüren. ,,Wenn heute der Tierarzt zur künstlichen Besamung kommt, muss ich darauf achten, dass unsere Kühe kein Sperma von hornlosen Bullen bekommen“, sagt Katharina Goetjes. Denn das würde gegen die strengen Demeter-Richtlinien verstoßen.Genetisch hornlose Kühe sind hier nicht erlaubt.

Von Hornlos-Züchtungen halten die Goetjes nichts. Dass Landwirte sicherer leben, wenn ihre Kühe hornlos sind, deckt sich nicht mit ihren Erfahrungen. „Wenn man Tiere wesensgemäß hält, ihnen genug Platz und Auslauf bietet, sie mit Respekt behandelt und ihnen ihre Würde lässt, dann haben die Tiere auch Respekt vor dem Menschen. Und man braucht keine Angst vor den Hörnern haben“, berichtet Katharina Goeties. Allerdings brauchen behornte Tiere mehr Fläche und einen größeren Laufstall. Ein Neubau kostet 10 bis 20 Prozent mehr pro Tierplatz. Laut Demeter-Richtlinie müssen die einzelnen Fressgitter größer sein, der Laufgang muss in bestimmten Ställen mindestens drei Meter breit sein und es darf keine Sackgassen geben. Für den Mehraufwand bei der Haltung von Hornkühen gibt es jedoch keine finanzielle Förderung. So gehört schon eine Portion Idealismus dazu, wenn ein Landwirt heute Kühe mit Hörnern hält.

Mehr Auslauf für Hornkühe kostet Geld. ,,Das könnten wir alleine nicht stemmen“,sagt Katharina Goetjes. Der Breitenwegerhof ist deshalb ein Partnerbetrieb der Regionalwert AG in der Region. Der Hof ist Eigentum von rund 520 Anteilseignern, also Menschen, die artgerechte Tierhaltung ideell und finanziell unterstützen. Somit fördert die Bürgeraktiengesellschaft Betriebe der regionalen ökologischen Land- und Lebensmittelwirt-schaft. ,,Wären Hörner sinnlos, hätte sie die Schöpfung nicht erschaffen“, ist Goetjes überzeugt.

Dieser Meinung sind auch die Unterstützer der Schweizer „Hornkuh-lnitiative“ zu denen der Demeter-Verband gehört.

Bis 23. März sammelte die Initiative noch Unterschriften für eine Volksinitiative, die die besondere Förderungvon Bauern, die Kühe und Ziegen mit Hörnern halten, in der Bundesverfassung festschreiben will. Die nötigen loo ooo Unterschriften sind bereits zusammengekommen.

BREITENWEGERHOF, Endingerstrasse 55, Eichstettn, H ofl a den täglich von 7 bis 19 Uhr

ww w. b r e it e n w e g e r h of. d e.

INFORMATIONEN zur Hornkuh-Initiative : hornkuh.ch

 

Quelle: Der Sonntag – 20.März 2016

Autor: Christine Speckner

Foto: SPE