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RWAG – Modell erfüllt die Forderungen des UNCTAD-Berichts 2013

Wir müssen aufwachen, bevor es zu spät ist: Die Landwirtschaft muss nachhaltig umgestaltet werden, um Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels zu gewährleisten. Wesentliche Schlussfolgerungen des Handels- und Umweltberichts 2013 der UN Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD) Der UNCTAD Handels- und Umweltbericht 2013, der Beiträge von 65 international renommierten Autoren zu den Themen Agrartransformation, nachhaltige […]

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Wir müssen aufwachen, bevor es zu spät ist: Die Landwirtschaft muss nachhaltig umgestaltet werden, um Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels zu gewährleisten.

Wesentliche Schlussfolgerungen des Handels- und Umweltberichts 2013 der UN Organisation für Handel und Entwicklung (UNCTAD)

Der UNCTAD Handels- und Umweltbericht 2013, der Beiträge von 65 international renommierten Autoren zu den Themen Agrartransformation, nachhaltige Viehwirtschaft und Landnutzung, Forschung und Entwicklung sowie Agrarhandel enthält,  spricht sich für einen Paradigmenwechsel in der globalen Landwirtschaft aus – weg von input- und energieintensiven Produk-tionsmethoden der Ära der „grünen Revolution“ hin zu tatsächlicher „agro-ökologischer Intensivierung“. Das erfordert einen Übergang vom Anbau von industriellen Monokulturen hin zu Mosaiken nachhaltiger, regenerativer Produktionssysteme, die sich vor allem auf kleinbäuerliche Betriebe und die Erhöhung deren ’nachhaltiger Systemproduktivität‘ konzentrieren.  

Im Gegensatz zu hoch spezialisierten, mechanisierten und stark von Inputs abhängigen Großerzeugern, sind die meisten kleinbäuerlichen Produzenten Hersteller von einer Vielzahl an Produkten, kombinieren oft Land- und Viehwirtschaft und erzeugen und zirkulierenden dadurch viele Nährstoffe auf den eigenen Höfen (die meisten Kleinbauern in Entwicklungsländern haben einfach nicht die Mittel, um agro-chemische Inputs regelmäßig oder überhaupt zu erwerben). Dadurch bekommt die Reproduktionsfähigkeit des Bodens und des agro-ökologischen Systems für kleinbäuerliche Landwirtschaft eine besondere Bedeutung. Tatsächliche Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft erklärt sich genau in diesem Kontext, dass der Landwirt nicht nur ein Erzeuger von Produkten ist, sondern auch Manager eines flexiblen agro-ökologischen Systems, das sich regeneriert und darüber hinaus gesellschaftliche Güter und Dienstleistungen liefert (wie Grundwasserqualität und –verfügbarkeit, Landschaftspflege und -schutz, Klimaanpas-sungsfähigkeit und Reduzierung der Klimagase). Die Spezifik der Landwirtschaft ist diese Multifunktionalität, die die kleinbäuerliche Produktion ganz im Gegensatz zu spezialisierten Großerzeugern verinnerlicht.

Darüber hinaus hat die kleinbäuerliche Landwirtschaft auch handfeste wirtschaftliche und soziale Vorteile. Zum einen ist sie produktiver als System, d.h. die Erträge für bestimmte Einzelprodukte mögen geringer als bei spezialisierter Massenproduktion sein, doch die Produktivität des Gesamtsystems, d.h. aller erzeugten Produkte pro Flächeneinheit ist höher. Auch die Profitabilität ist bei Kleinproduzenten in der Regel höher, da keine oder relativ wenige Inputs benötigt werden. Zum anderen sind Kleinproduzenten viel stärker lokal vernetzt und verankert, d.h. von ihnen gehen im stärkeren Masse Entwicklungs-impulse durch Käufe und Verkäufe von Waren und Dienstleistungen aus. Das stärkt die ländliche Entwicklung und Kaufkraft. Zudem sind Kleinproduzenten ein entscheidender Teil nationaler Nahrungsmittelsouveränität.   

Der wesentliche Grund, weshalb kleinbäuerliche Landwirtschaft dieses Potential nicht ausschöpfen kann ist, dass sie von der Politik, den Märkten und den Finanzinstitutionen nicht angemessen unterstützt und teilweise sogar torpediert wird. Die Masse der ohnehin meist spärlichen staatlichen Unterstützung für die Landwirtschaft in Entwicklungsländern kommt Großproduzenten zugute. Viele staatliche Einrichtungen der technischen Unterstützung und Forschung, vor allem in Afrika, sind im Zuge der Liberalisierung abgeschafft worden oder leiden an chronischer Unterfinanzierung. Fortschritte bei Landreform und der Berücksichtigung von Frauenrechten dabei sind nach wie vor kaum zu erkennen. Auch bei der Finanzierung bäuerlicher Klein- und Familienbetriebe gibt es nur geringe Fortschritte; nach wie vor bestimmen Zwischenhändler, die Ernten aufkaufen oder private Geldverleiher den Kreditmarkt mit wucherähnlichen Konditionen. Schließlich haben Weltbank und IWF seit Ende der 1980er Jahre sehr stark nationale Programme gefördert, die die Produktion von Exportprodukten (sogenannte cash-crops), wie Gemüse, Obst, Schnittblumen, aber auch traditionelle Produkte, wie Kaffee, Kakao oder Tee auf Kosten der lokalen Nahrungsmittelproduktion stärken sollten. Die internationalen Lieferketten und Handelsregeln fördern aber Spezialisierung und Groß- produktion.

Bäuerliche Klein- und Familienproduktion kann und muss ein wesentlicher Bestandteil einer agro-ökologischen Transformation der globalen Landwirtschaft sein. Dazu müssen die oben genannten Rahmenbedingungen geändert werden und der Schwerpunkt auf eine agro-ökologische, nicht agro-chemische und genmanipulierte Intensivierung der Landwirtschaft gelegt werden.

Der UNCTAD Handels- und Umweltbericht 2013 hebt ferner hervor, dass viele Organisationen (leider einschließlich der UN Welternährungsorganisation FAO) die Notwendigkeit weiterer Produktionssteigerungen (bis zu 70% im Zeitraum bis 2050) zur Sicherung der Welternährung propagieren, obwohl kalorienmäßig das gegenwärtig produzierte Lebensmittelvolumen ausreicht, um faktisch das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung zu ernähren. Hunger und Unterernährung sind kein Angebots- sondern ein Armutsproblem, vor allem in ländlichen Gebieten (rund 80% aller Hungernden sind selbst Kleinbauern, Landarbeiter, Hirten oder Fischer). Den Hungernden fehlen die Mittel zur Selbstversorgung oder die Einkommensquellen für den Lebensmittelkauf. Die Unterstützung nachhaltiger kleinbäuerlicher Landwirtschaft greift damit direkt in die Ursachen von Hunger und Unterernährung ein.

Die (Pseudo-)Forderung nach Erhöhung der Agrarproduktion lässt auch die wesentlichen strukturellen Probleme der globalen Landwirtschaft unberücksichtigt: Dies sind der stark steigende industrielle und Futterverbrauch von Getreide (mehr als die Hälfte der Weltgetreideproduktion, d.h. etwa 54% wird bereits als Futtermittel und als industrielle Biomasse für Fasern, Stärke und Biotreibstoff verwendet), die Vor- und Nachernteverluste, die etwa die Hälfte des Produktionsvolumens ausmachen, und der Trend zu mehr Fleischkonsum, vor allem in Entwicklungsländern. Anstelle gebetsmühlenartig das Produktionssteigerungsmantra zu predigen, sollten die strukturellen Probleme im Mittelpunkt stehen und verändert werden.

Der UNCTAD Handels- und Umweltbericht 2013 warnt, dass der Klimawandel mit gegenwärtigen Tendenzen einer globalen Erwärmung von 4-6 Grad Celsius gegen Ende diesen Jahrhunderts katastrophale Konsequenzen für die Landwirtschaft haben wird. Jene Regionen, die am stärksten den Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt sind (insbesondere weite Teile Afrikas und Südasiens, wo mit einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion von bis zu 50% bis 2080 gerechnet wird), haben auch das höchste Bevölkerungswachstum (Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050 faktisch verdoppeln, jene in Südasien um etwa 40% ansteigen). Damit sind erhebliche nationale und regionale Konflikte um den Zugang zu geeignetem Boden und Wasser vorprogrammiert. Darüber hinaus wird es zu erheblichen Migrationsbewegungen kommen. Vor diesem Hintergrund schlussfolgert der UNCTAD Bericht, dass Landwirtschaft, deren Transformation und bessere Anpassung an den Klimawandel zu einem nationalen und internationalen sicherheitspolitischen Spannungsfeld erster Ordnung in diesem Jahrhundert werden kann.  

Hier die englische Originalversion des Berichts: http://unctad.org/en/pages/PublicationWebflyer.aspx?publicationid=666